Dieses Fallbeispiel ist erfunden. Objekt, Ablauf und Befunde sind so gewählt, wie sie bei solchen Einsätzen typischerweise vorkommen. Es handelt sich nicht um einen Kundenauftrag. Berichte aus der Branche finden Sie im Abschnitt Aus der Praxis.
Woher kommen kurze Störungen auf einer Mittelspannungsfreileitung, wenn die Begehung vom Boden nichts zeigt? In diesem Fallbeispiel haben wir alle Maste eines Abschnitts per Drohne fotografiert und unter Last mit Wärmebild aufgenommen. Die Leitung blieb dabei in Betrieb. Ein Isolator mit Überschlagspuren und eine erwärmte Klemme waren die wichtigsten Befunde.
Ausgangslage
Ein Stadtwerk in Ostwestfalen betreibt als Netzbetreiber eine 20-kV-Freileitung, die über Felder und an einem Waldrand entlang führt. Der betroffene Abschnitt ist einige Kilometer lang und hat Beton- und Holzmaste. Nach Stürmen kam es dort mehrfach zu kurzen Störungen, die sich von selbst wieder aufhoben.
Die Monteure hatten die Strecke vom Boden aus abgegangen, ohne eine klare Ursache zu finden. Für einen genauen Blick auf jeden Mastkopf hätten sie an jedem Mast einen Hubsteiger gebraucht.
Was wir gemacht haben
Nach § 21h Abs. 3 LuftVO sind Drohnenflüge innerhalb von 100 m seitlichem Abstand zu Anlagen der Energieverteilung nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Betreibers oder der zuständigen Stelle zulässig. Hier war der Betreiber zugleich Auftraggeber. Die Zustimmung lag schriftlich vor, der Ablauf war mit der Netzleitstelle abgestimmt. Die Eigentümer der Flächen hatte das Stadtwerk vorab informiert.
Wir sind abschnittsweise in Sichtweite geflogen und haben einen festen Sicherheitsabstand zu den Leiterseilen eingehalten.
- Fotos jedes Mastes aus mehreren Richtungen, mit Mastkopf, Isolatoren, Armaturen, Erdung und Mastfuß
- Wärmebildaufnahmen von Klemmen, Verbindern und Stromschlaufen. Erwärmungen zeigen sich nur, wenn Strom fließt. Deshalb haben wir zu einer Zeit mit üblicher Last geflogen.
- ein Orthofoto der Trasse am Waldrand, um den Bewuchs zu beurteilen
Was wir gefunden haben
Jeder Befund steht mit Mastnummer, Bild und Dringlichkeit in der Liste.
- Hoch. An einem Tragmast im Störungsabschnitt hatte ein Isolator deutliche Überschlagspuren und einen beschädigten Schirm. Das ist eine plausible Ursache für die kurzen Störungen.
- Hoch. An einem Abspannmast war die Klemme einer Stromschlaufe im Wärmebild deutlich wärmer als die beiden anderen Phasen am selben Mast. Das deutet auf einen erhöhten Übergangswiderstand.
- Mittel. Am Waldrand ragten mehrere Bäume nahe an die Leiterseile heran. Bei Sturm können Äste die Leitung berühren.
- Mittel. Ein Holzmast zeigte am Kopf Spechtlöcher und Längsrisse. Ob er noch ausreichend trägt, klärt die Mastprüfung des Netzbetreibers.
- Niedrig. Auf einer Traverse lag ein Vogelnest, mit Abstand zu den spannungsführenden Teilen.
Wie es weiterging
Das Stadtwerk hat Isolator und Klemme in einer geplanten kurzen Freischaltung durch die eigenen Monteure tauschen lassen. Den Rückschnitt am Waldrand hat es beauftragt und den Holzmast in die Mastprüfung aufgenommen. Das Vogelnest wird außerhalb der Brutzeit entfernt. Die Bilder hat der Netzbetreiber zu den jeweiligen Masten in seiner Netzdokumentation abgelegt.
Ob der Isolator die alleinige Ursache der Störungen war, zeigt die weitere Betriebserfahrung. Die Aufnahmen dienen künftig als Vergleich für die nächste Kontrolle.
Was andere Betreiber daraus mitnehmen können
- Die Drohne ersetzt Begehung und Mastprüfung nicht. Sie zeigt, wohin die Monteure gezielt gehen sollten.
- Wärmebilder an Verbindungsstellen sind nur unter Last aussagekräftig. Der Flugtermin sollte dazu passen.
- Fotos je Mast mit eindeutiger Nummer machen den Zustand über die Jahre vergleichbar.
- Abstimmung mit Leitstelle und Flächeneigentümern früh einplanen.
Mehr dazu lesen Sie im Ratgeber Freileitungen prüfen, ohne abzuschalten, im Beitrag Darf eine Drohne an Stromleitungen fliegen? und auf unserer Seite Freileitung-Inspektion.
Aus der Praxis
Die folgenden Berichte stammen von Dritten. Es sind keine Projekte von FLYX.
- Mitnetz Strom setzt weiter auf Drohnen in der ZfK, 2023. Der Netzbetreiber kontrolliert Leiterseile, Isolatoren und Armaturen per Drohne, auch mit Wärmebild, als Ergänzung zu Hubschrauber und Begehung.
- Drohnen in der Energiebranche. Aus der Vogelperspektive im BDEW-Magazin, 2023. Unter anderem half bei Westnetz eine Drohne, nach einer Störung an einer 110-kV-Leitung den Schaden schnell zu erfassen.
- NETZinspect bei Netze BW. Drohnen fliegen automatisiert um die Masten, LiDAR erfasst Bewuchs entlang der Trasse.
- Freileitungen mit Drohnen inspizieren im Bulletin Electrosuisse, 2025. Ein Schweizer Netzbetreiber beschreibt, wie Drohnenfotos je Mast die Besteigung ersetzen, während die Leitung in Betrieb bleibt.